Am Morgen vor dem Fest

Im Palast

Rahel von Victoria, Tochter von Lago und Nona von Victoria, aus der Kaste der Händler, strich dem Säugling in ihrem Arm sachte über den Kopf. Flaumig weich glitt das flachsfarbene Haar des Knaben an ihren Fingerspitzen vorbei. Rahel ließ den Finger weiter gleiten, über die sanfte Wölbung der Stirn bis hinunter zur Nasenwurzel. Ein Sohn. Sie war gesegnet. Und Tasdron war der glücklichste Vater von ganz Victoria. Die kleinen Augenlider zuckten kurz, schlossen sich dann wieder und die rosigen Lippen formierten sich kurz zu einem saugenden kleinen Schmatzen. Nicht mehr lange und er würde erwachen. Das Mädchen würde kommen und ihr beim Anlegen helfen und dann würden sich die kleinen, aber so kräftigen Lippen um ihre Brustwarzen legen und zu trinken beginnen. Sie hatte ihre Aufgabe erfüllt. Dem Administrator war ein Stammhalter geboren worden. Nach drei Töchtern, die seine erste Gefährtin geboren hatten,  hatte sie, Rahel von Victoria, Tochter von Lago und Nona, das Wunder vollbracht.

“Heute gibt es ein Fest, mein Sohn. Dein Vater lässt feiern, dass du geboren bist. Die Glocken werden läuten. Die Menschen werden trinken, singen und tanzen.”, Rahel flüsterte die Worte ehrfürchtig. “Wir werden auf den Balkon treten und alle dürfen dich bestaunen, mein wunderbarer Sohn.” Zufrieden lehnte sie sich zurück und der Schaukelstuhl setzte sich leise knarrend in Bewegung. Rahel spürte Stolz in ihrer Brust. Der Administrator hatte diesmal besser getan bei der Wahl einer Gefährtin. Nona, ihre Mutter, war das neunte Kind ihrer Eltern und sie selbst hatte fünf Geschwister. Sie war die geborene Gefährtin und Mutter, auch wenn sie Tasdron nie lieben würde. Darauf kam es nicht an. Es kam darauf an, ihre Pflicht zu tun. Nichts anderes erwartete man von ihr. Und nun, da er einen Sohn hatte, würde er sie hoffentlich eine Weile in Frieden lassen und zurückkehren in die Arme der Pagamädchen, die willig waren und weich und anschmiegsam.

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***

Vor der Taverne

Das Mädchen rollte das letzte Fass, das der Mann vom Wagen hob, Richtung Lager. Auf den Stufen musste sie vorsichtig sein und schon jetzt war der gelbe Fetzen, den sie am Leib trug, und an dem man sie als Pagamädchen erkennen konnte, getränkt von frischem Schweiß. Der Tag hatte früh begonnen für ihre Verhältnisse. Der Wirt hatte sie alle am frühen Morgen aufgescheucht, sogar die beiden Mädchen, die noch in den Armen von schnarchenden und betrunkenen Gästen gelegen hatten. Aufgeregt war wegen des Festes, mit dem sich sicher der eine oder andere Tarsk zusätzlich verdienen ließ. Und deshalb ging es früher los als sonst mit dem Kehraus. Die Alkoven ausfegen, die Felle ausschütteln, frisches Wasser in die Waschschüsseln. Und jetzt die Pagafässer. Aber immerhin war es das letzte von fünfen. Sie konnte nur hoffen, dass der Wirt ihnen ein bißchen Ruhe gönnte, bevor am Abend die vergügungssuchenden Männer ins Schlüpfrige Loch kamen. Wenn der Administrator große Reden geschwungen und die Gaukler sich verabschiedet hatten, dann kam die Zeit, in der die Frauen heimgeschickt wurden und die Männer gemütlich bei einer Schale Paga zwischen die weit geöffneten Schenkel einer Kajira starren wollten, die sich vor ihnen im Sand des Tanzkreises räkelte. Egal welches Fest, sie endeten alle im Schlüpfrigen Loch, zumindest für die Männer, die noch einen hoch bekamen und selbst die anderen hingen gern in vertrauter, heimeliger Atmosphäre den Erinnerungen ihrer Jugend nach.

Wenn jeder wegen der Geburt eines Kindes so ein Tamtam machen würde, dacht sie bei sich, käme Victoria aus dem Feiern nicht mehr raus. Aber so war das eben. Der eine war der Sohn des Administrators und der andere wurde schon mit Eisen um den Hals geboren und brachte auf dem nächsten Markt kaum fünf Kupfer ein.

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***

Ein Händler

Tasdron, das musste man ihm lassen, war ein gerissener Mann, der zur rechten Zeit am rechten Ort die Gelegenheit beim Schopfe gepackt haben musste und nun saß er wie festgenagelt über dem Hohen Rat, in dem sich allmählich Unmut regte über den Tavernen-Administrator.

Der Händler sah seinem Mädchen beim Aufstellen der letzten Krüge zu und nickte dann zufrieden. Angeblich schenkte der verdünnte Kalana derjenigen, die ihn trank, schon wenig später einen Jungen. Der Händler hoffte auf reißenden Absatz zum Fest zur Geburt von Tasdrons Sohn und grinste breit, als schon die ersten Weiber einen interessierten Blick auf seinen Stand warfen, an dem das Mädchen den Wundertrank in warmen Worten anpries. In vielen Dingen konnte er Tasdron wohl das Wasser reichen. Geschäftstüchtigkeit. Gerissenheit. Hartnäckigkeit. Alles, was einen waschechten Händler eben ausmachte und alles, was die hohen Kasten seit geraumer Zeit am liebsten von den Magistratsplätzen verbannt hätten um sich ungestört auf hochkastig edle Weise gegenseitig mit Worten erdolchen zu können. Aber Tasdron war noch in jedem Jahr der Wiederwahl für eine Überraschung gut gewesen.

Der Händler strich gedankenverloren und mit sich und der Welt zufrieden über den Ärmel seiner weiß-goldenen Robe, während die ersten Münzen in seinem Kästchen klingelten. Söhne wollten sie alle. Vor allem seit Vega Baratheus, die abgelegte Gefährtin des Administrators, wie ein weibliches Mahnmal durch die Straßen wandelte. Man soll keine Kinder mit Weibern zeugen, die so einen verkniffenen Mund haben. Aber Tasdron hatte sich wohl an der Eroberung der Blaukastigen geweidet und darüber doch einmal in seiner Amtszeit das Wesentliche aus den Augen verloren.

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3 comments

      1. *seufzt herzzerreißend und vergräbt das Gesicht in der flammendroten Wallemähne*: Wem sagst Du das?! Aber, um noch einen lateinischen Spruch zu bemühen (für IRGENDWAS müssen die fünf Jahre schließlich gut gewesen sein! 😉 ): Tempora mutantur. Bis dahin verfolge ich mit Genuss die Blogs. Apropos: den Aufbau dieses Blogs finde ich erstklassig. Er bietet alle für das RP wichtigen Infos zu Hintergrund und Regeln in kompakter Form. Ich habe vereinzelt schon gute Ansätze gesehen, wie ein Blog (auch) als Regelwerk für das RP fungieren kann. Das hier ist weit mehr als nur ein Ansatz 🙂

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