Sergius Atticus

Cedo nulli.
Ich weiche keinem

***
Fröstelnd schlug Sergius den Umhang über die Schulter. Das tiefe und langgezogene Hornsignal erklang über dem Hafen und verkündete den Wachwechsel. Bald schon würde die Nacht hereinbrechen, doch vorher bot sich seinen brennenden Augen ein unvergleichliches Schauspiel der Natur. Wie flüssiger, goldgelber Honig versank die Sonne hinter dem Horizont und bot dem aufmerksamen Beobachter ein atemberaubendes Farbenspiel. Gleich einem goldenen Band schlängelte sich der breite Strom durch die Landschaft, flankiert von Hügeln und saftigen grünen Wiesen. In den Niederungen reihte sich Acker an Acker, Weide an Weide. Das Land war fruchtbar und der Hafen brachte der Stadt zusätzlichen Reichtum.

Nach wenigen Minuten war das Schauspiel vorüber und der Feuerball hinter dem Horizont verschwunden. Der Himmel färbte sich blutrot und wieder fröstelte ihn. Ein einzelner, breiter Wolkenstreifen schob sich über den Horizont, wurde schnell größer und lag wie ein Schleier über dem Firmament. Eine düstere Vorahnung ließ ihn erneut erschauern.

Seit Stunden stand er hier oben und hielt Ausschau. Die einlaufenden Handelsschiffe interessierten ihn nicht, die Kriegsschiffe hingegen umso mehr. Dann endlich sah er sie. Die unverkennbare schlanke Silhouette eines Tarnschiffes, das sich gegen den blutroten Abendhimmel abzeichnete und schnell näher kam. Er war gekommen, so wie er es versprochen hatte. Die Vorfreude auf seinen Vater vertrieb seine dunklen Gedanken. Ungeduldig verfolgte er das Einlaufen des Schiffes. Mit gleichmäßigen Ruderschlägen glitt das Tarnschiff in den Hafen, vorbei am großen Leuchtturm und den aufmerksamen Blicken der Hafengarnison. Sergius konnte bereits das auf dem Bug aufgemalte Auge erkennen und ein Stück dahinter das Wappen seines Hauses.

Wie von Geisterhand hoben sich die Ruder erneut aus dem Wasser, bis sie senkrecht in den Himmel standen. Vier Schiffe hatte Marcus Atticus in diesem Jahr ausgerüstet und dem Rat zur Verfügung gestellt. Das größte davon befehligte er selbst, die anderen wurden von loyalen Gefolgsleuten kommandiert. Marcus Atticus kam für den Unterhalt der Schiffe auf, er sorgte für eine gute Besatzung und kräftige Rudersklaven. Dafür durfte er die Hälfte der Prise behalten und zusätzlich zahlte der Rat den Trierarchen eine kleine Summe als Aufwandsentschädigung. Es gab immer noch unzählige Piraten auf dem Vosk und eines Tages war das Glück auf Marcus‘ Seite. Es war nur ein einzelnes Piratenschiff und trotz des erbitterten Widerstandes gelang es dem Trierarchen Atticus das Schiff zu entern und die Besatzung zu überwältigen. Er staunte nicht schlecht als die er vollen Laderäume sah. Feinste Stoffe aus dem Süden, Wein von den Inseln der Thassa, edle Gewürze und vieles mehr. In der Kammer des Kapitäns fanden sie eine Kiste mit Silber aus Argentum und Edelsteinen.

Mit seinem Anteil kaufte Marcus drei weitere Schiffe und ließ sie ausrüsten. Nun endlich stieg auch sein Ansehen beim Rat und innerhalb der Kaste. So viele Jahre war er einer von vielen gewesen. Ein einfacher Trierarch mit nur einem Schiff und keinem nennenswerten Vermögen. Man kannte den Namen Atticus, aber niemand sprach ihn mit Ehrfurcht oder Respekt aus. Doch Marcus wollte mehr für sich und seine Familie. Er träumte von Macht und Ansehen, von Ruhm und Ehre für das Hause Atticus – vielleicht sogar ein Sitz im hohen Rat der Stadt.

Etwas stimmte nicht. Sergius kniff die Augen zusammen und starrte angestrengt auf das einlaufendende Schiff. Selbst von hier oben konnte er es erkennen. An Bord herrschte eine seltsame Ruhe. Normalerweise feierten die Männer die Heimkehr in den Hafen ausgelassen und lautstark. Doch nicht heute. Vergeblich suchte Sergius die hünenhafte Gestalt seines Vaters, der normalerweise neben dem Steuermann stand. Der Platz neben dem Steuermann war leer.

Sie brachten ihn ins Hospital und der junge Arzt erklärte Sergius, wie schlecht es um seinen Vater stand. Außer beten gab es nichts mehr was sie für ihn tun konnten. Hoffnung? Nein, die gab es nicht mehr für Marcus Atticus.

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Er lag in einem sauberen und kleinen Zimmer und Sergius erschrak als er seinen Vater dort sah. Das Fieber hatte ihn schon mehrere Tage im Griff und verbrannte ihn von innen heraus, es verschlang seine Lebensgeister und bald schon würde nichts mehr davon übrig sein. Bleich und eingefallen lag er auf den weißen Laken des Krankenlagers. Ein einzelner verirrter Armbrustbolzen von einem Piratenschiff hatte genügt, um Marcus Atticus zu Fall zu bringen. Jeder rasselnde Atemzug war ein Kampf um Leben und Tod und der Blick aus den trüben Augen verriet Sergius, was die Ärzte längst wussten.

Der Mann der dort lag war nicht sein Vater. Es war nur noch das verblassende Abbild des einst so stolzen Kriegers. Dennoch schuldete ihm Sergius die Ehre des letzten Weges und als sein Erstgeborener würde er den Weg mit seinem Vater gehen und sich an der Schwelle des Todes von ihm verabschieden. Eine ganze Weile saß er schweigend neben ihm. Dann plötzlich packte Marcus das Handgelenk seines Sohnes und ließ es nicht mehr los. Sein Griff war kräftig, seine Stimme klar:

„Sergius, mein Sohn. Es gibt noch so vieles was ich dich lehren wollte, so vieles was ich dir noch sagen wollte. Aber nun rinnt das Leben wie Sand durch meine Hände und ich kann es nicht festhalten.
Ich wollte unsere Familie und unser Haus zur Größe führen. Aber nun habe ich keine Zeit mehr. Du musst vollenden was mein Vater vor mir begonnen hat. Du musst fortführen was ich erreicht habe und unserer Familie den Platz erstreiten der ihr gebührt. Die Alteingesessenen Familien halten uns für Emporkömmlinge. Für sie sind wir nicht mehr als der Abschaum auf der Straße, obwohl wir die gleichen Kastenfarben tragen. Zeig ihnen aus welchem Holz wir geschnitzt sind, zeig ihnen was der Name Atticus wert ist.“

Sergius hörte seinem Vater schweigend zu und konnte nur nicken. Sein ganzes kurzes Leben hatte man ihn gelehrt ein Krieger zu sein. Hart und unnachgiebig. Kaum das er Laufen konnte drückte man ihn ein Schwert in die Hand und ließ Tag für Tag üben. Er lernte Entbehrungen kennen, Hunger und Durst, Kälte und Hitze und Schmerz. Und all das ertrug er wie die anderen, ohne Murren, ohne sich zu beklagen. Zum Wohl des Heimsteins und zum Ruhme von Kaste und Familie. Nur manchmal wenn das Lachen der anderen Kinder von der Straße zu ihnen hereindrang, sahen sie sich an und bedauerten für einen Augenblick ihr Los.
Doch darauf hatte ihn niemand vorbereitet. Er kämpfte mit den Tränen, mit seiner Trauer und der Wut. Es gab nichts was er tun konnte und das Schicksal entriss ihm den Vater und sein großes Vorbild viel zu früh.
Die Stimme von Marcus verlor an Kraft und wurde brüchig:

„Sergius, versprich es mir. Die Hoffnung unserer Familie ruht nun auf deinen Schultern. Du musst sie führen, du musst ihnen den richtigen Weg weisen und du musst den Rat überzeugen.“

Sergius drückte die Hand seines Vaters, dann ließ er sie los und stand auf. Sein Vater sollte seine Verzweiflung nicht sehen, also rang er sie nieder wie einen Gegner und erwiderte feierlich und mit fester Stimme:

„Vater, ich verspreche es. Bei den Priesterkönigen, bei meiner Ehre. Ich werde mein Wort halten und unsere Familie zum Ruhm führen.“
Ein letztes zufriedenes Nicken, ein letzter erleichterter Atemzug, dann erlosch das Leben und Marcus schloss für immer seine Augen. Sergius sank neben dem Bett seines Vaters nieder und erlaubte sich einen Moment der Trauer. Niemand würde ihn stören und niemand würde seine Tränen sehen. Sein Vater war fort und nun lastete die Verantwortung für die Familie auf seinen Schultern. Jemand rüttelte an seiner Schulter und Sergius sah schlaftrunken nach oben. Er kauerte noch immer auf dem Boden und umklammerte die Hand seines Vaters. Sie fühlte sich nun nicht mehr warm, sondern kalt und leblos an. Über ihm das besorgte Gesicht eines jungen Arztes.

„Junge, du bist eingeschlafen. Es wird Zeit zu gehen. Hast du dich verabschiedet?“

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Sergius nickte und stand auf. Draußen graute bereits der Morgen und ein neuer Tag brach an. Heute war sein 15. Namenstag und es sollte eigentlich ein freudiger Tag werden. Sergius verließ das Krankenzimmer ohne einen Blick zurück. Sein Vater war nicht mehr da.

Seit diesem Tag sind 5 Jahre vergangen und aus dem Jungen von damals ist ein ehrgeiziger und undurchsichtiger junger Mann geworden. Noch immer verfügt das Haus Atticus über vier Schiffe, die ihnen zwar keine Reichtümer bringen, dennoch aber für einen gewissen Wohlstand der Familie sorgen.

sergius

Sergius bekleidet mittlerweile ein untergeordnetes Amt in der Stadt. Er ist einer von fünf Ädilen und wurde von der roten Kaste vorgeschlagen.

((Text von Beric))

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4 comments

  1. WOW… da kann aber wer schreiben! als dein Vater gesprochen hat hab ich der Immersion wegen sogar automatisch ne krächzende stimme eines sterbenden im Ohr gehabt.War so ein flashiger Moment 🙂

  2. sehr emotional geschrieben während ich das gelesen haben hab ich für einen kurzen moment vergessen das es nur eine geschichte ist es hat mich wirklich rein gezogen *daumen hoch*

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