Im schlüpfrigen Loch

Lihis Umweg über den Hafen war vergebens gewesen und somit hatte sie die Torwachen ganz umsonst angeschwindelt. Die Flotte des Hauses Atticus war noch nirgendwo am Horizont zu sehen, so lange sie auch damit zubrachte angestrengt auf den breiten Strom hinauszusehen, der ihren Herrn hoffentlich sicher wieder heimbringen würde. Schließlich kletterte sie vom Holzsteg aus wieder zurück auf die Kaimauer und machte sich auf den Rückweg in die Stadt. Eigentlich sollte sie schon in der Taverne sein und dort ihre Hilfe anbieten, denn es war der letzte Tag der Hand und an diesem platzte das schlüpfrige Loch meist aus den Nähten.

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Als sie durch den Hintereingang eintrat, war aber das Männer-Pagamädchen-Gleichgewicht noch ausgewogen, so dass sie sich einfach still in eine Ecke kniete. Valerius, der Onkel ihres Herrn, würde sicher gleich auftauchen und dann war sie schonmal zur Stelle. Es galt zu vermeiden ihn ein zweites Mal zu verärgern, denn sein Gesicht hatte sich deutlich der Farbe seiner Tunika angepasst, als Lihi im die Auskunft über den Ablauf ihres Kaufs verweigerte. Sergius’ Befehl war so eindeutig gewesen, dass sie es nicht gewagt hatte, den Mund aufzumachen in dieser Angelegenheit. Vermutlich hatte sie nur das Verwandschaftsverhältnis der beiden Männer davor bewahrt, nicht zum Reden gezwungen zu werden.

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Das schlüpfrige Loch hatte an diesem Abend nicht nur Voskschiffer und zwielichtiges Gesindel angelockt, nein, unter den illustren Gästen entdeckte Lihi Julius Avonicus, den vermutlich mächtigsten Händler der Stadt, wenn man vom Administrator selbst absah, und auch Erganos Vitruvius, den Kastenersten der Baumeister. Wenig später traf Valerius ein und sie gesellte sich kurz an seine Seite, bevor er sie in den Tanzkreis schickte.

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Valerius war kein Mann, der lange ein Blatt vor den Mund nahm und so war er auch an diesem Abend der erste, der das Gespräch auf Tasdron und die aktuellen Geschehnisse in der Stadt lenkte, nachdem die ersten sich an den Pagamädchen gütlich getan und ihren größten Durst gestillt hatten. Lihi spürte, dass die Aufmerksamkeit der Männer sich nun vom nackten Fleisch hin zu wichtigen Angelegenheiten hin bewegte und die Stimmung im Raum bekam einen anderen Klang. Sie kannte das. Sie hatte es vielfach erlebt und wusste damit umzugehen. In gewisser Weise liebte sie es, während ihres Tanzes zu spüren, dass sie zur Nebensächlichkeit wurde in den Augen der Männer, die nur noch hin und wieder einen Blick für sie übrig hatten und auch die anderen Mädchen, wenn jetzt auch stiller als noch vorhin, schmiegten sich in zufriedenem Gleichmut an die breiten Schultern oder legten ihre Köpfe zutraulich auf den ruhenden Beinen der anwesenden Gäste ab. Julius Avonicus – soviel bekam Lihi mit, als sie den letzten Stoffstreifen löste, der noch mit einer Schleife in ihrem Nacken befestigt war – schien ein glühender Anhänger des Administrators zu sein, während der Erste der Baumeister sich sehr zurückhaltend gab, was die Beurteilung der Lage anging und den möglichen Ausgang der Wahl.

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Wenig zurückhaltend, das las Lihi an seinem Gesicht ab, zeigte sich Dillus Baratheus in seiner Haltung gegen den Administrator. Glücklicherweise verbarg er seine finstere Miene, indem er sich in die Würfelecke zurückzog und sich dort betrank. Sie konnte die Bewegung seiner Lippen sehen, die etwas murmelten und sein finsterer Gesichtsausdruck ließ Lihi ahnen, dass es besser war, wenn Julius Avonicus davon nichts mitbekäme.

Valerius’ Gesicht verrieht wenig über seine Gesinnung, während er sich von Zaira nachschenken ließ und doch war er es, der das Gespräch angestoßen hatte. Unschuldig und unbedarft gab er sich nun, als er sich nach der Art und Weise erkundige, in der zur Zeit im Hohen Rat gearbeitet wurde. Lihi erhob sich aus dem Sand und machte die Runde von einem zum anderen. Einen Fuß auf den Rand des Tanzkreises gestellt, ließ sie die Hüften kreisen. Valerius schmunzelte und nickte ihr zu.

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Wenig später hatte sie ihr Runde beendet und sank in den Sand. Sicher 20 Ehn intensiven Tanzes lages hinter ihr und sie zitterte jetzt vor Erregung, während ihre Finger wie von selbst den Weg zwischen ihre Schenkel fanden. Und dann verwandelten sich die Stimmen der Männer in ein erregendes, sonores Hintergrundrauschen. Die von Valerius geworfene Pagaschale traf sie hart am Schenkel und riss sie gerade eben so noch aus ihrer Ekstase. Vor Schreck stieß sie einen Schrei aus und drehte sich auf den Bauch. Er schüttelte den Kopf und warf ihr einen strengen Blick zu. Sie verstand. Sie hatte keine Erlaubnis sich Entspannung zu verschaffen.

Lihis Schrecken war schlagartig verschwunden, als die Stimme von Sergius durch den Raum schallte. Er war endlich zurück! Sie erhob sich mit zitternden Schenkeln aus dem Sand und folgte seinem Wink, als er sich auf eines der Sitzkissen fallen ließ. Er kam direkt vom Schiff und trug noch die volle Ausrüstung. Sie nahm von Marali eine volle Pagaschale entgegen und hielt sie ihm an die Lippen, während er sie an sich zog. Sein Lachen füllte den Raum. Seine Frage, ob sie ihn denn vermisst habe, war angesichts des Glühens ihrer Spalte, als er seine Finger hineinschob, nur eine rhetorische. Die Welt verschwamm vor ihren Augen zu einem flackernden bunten Kaleidoskop aus Sergius’ Geruch, Pagadunst, dunklem Stimmengewirr und einen Strom von ekstatischer Hitze, der durch sie hindurchfloss und sich schließlich dort ergoss, wo Sergius’ Finger ihn spüren wollten.

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Erst danach fiel Sergius’ Blick auf den Mann mit der grünen Tunika, der ihm gegenüber saß. Lomerus war an jenem Abend von Lihis Verkauf im schlüpfrigen Loch dabei gewesen und Sergius’ forderte ihn auf ihm zu sagen, wer der betrügerische junge Kerl gewesen war, der die 21 Silber eingestrichen hatte. Finstere Drohungen begleiteten Sergius’ Forderungen und Lomerus’ Gesicht verschloss sich wie eine Auster um die Perle. Die eben noch entspannte Stimmung schlug um, als Lomerus vorgab den schmalbrüstigen Knaben nicht zu kennen. Nur die beruhigende Handbewegung von Valerius mochte es gewesen sein, die Sergius davon abhielt, die Wahrheit aus dem ärmlich wirkenden Heiler herauszuprügeln.

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