Das Testament

Vega zog das Kleid noch ein wenig enger um ihre Taille und schlüpfte dann in ihre ledernen Stiefel. Normalerweise schützte das weiche Leder ihre Haut vor den scharfen Schuppen des Reittharlarions, aber heute sollten die Stiefel sie vor der Ost schützen. Schutz durch Ablenkung, so schmunzelte sie einmal kurz vor dem Spiegel. Der Schlitz im Kleid reichte ungewöhnlich weit nach oben und ließ das helle Fleisch ihres Oberschenkels über dem ledernen Stiefel hervorleuchten.

Die Attica wartete bereits draußen und war bereit für den Besuch bei Caius Aelius. Sergius’ Brief an seine Schwester hatte Aufschluss gegeben über den Aufbewahrungsort seines letzten Willens. Und seine Worte hat eine eindringliche Warnung an die Attica enthalten, vorsichtig mit Caius zu sein und sich Unterstützung zu suchen. Das hatte die junge Frau getan und Vega spürte eine seltsame Wärme in ihrem Herzen, die schon den ganzen Tag lang anhielt. Sie war sogar bei Tasdron gewesen um ihn in Kentnis zu setzen über ihre Zukunftspläne und um ihn zu bitten ihre Töchter wieder sehen zu dürfen. Zu bitten! Der Groll in ihrem Herzen war fort und seitdem schienen ihre Schritt leichter zu sein als je zuvor. Ihre Töchter waren noch lange nicht so weit wie die Attica an diesem Tage. Nichtsahnend was den Inhalt des Testamentes betraf, schritt die junge Frau neben ihr her und ihre Aufregung war unter der Maske der Kälte für Vega deutlich spürbar.

Das Testament. Warum Sergius es ins Haus Aelius geschafft hatte, war Vega ein Rätsel. Aber so viele Handlungen des hitzigen Heißsporns waren Vega ein Rätsel geblieben, dass diese fast wieder in das Muster des Chaos passte, als das sie ihn wahrgenommen hatte. Wenn die junge Attica das Testament nicht bekam, dann würde mit dem Erbe von Marcus Atticus das geschehen, was üblich war: Es fiele an den ältesten männlichen Familienangehörigen. In Fall der Familie Atticus war das Valerius. Aurora Atticus würde unter dessen Herrschaft leben wie Vega es jetzt tat unter der Herrschaft ihres Vaters und wenn dieser starb, unter der Herrschaft ihres Bruders oder ihres Onkels.

“Cedo nulli.” flüsterte die junge Attica, als Vega die Hand hob um an die Tür des Domus Aelius zu klopfen. Sie nickte zustimmend und schenkte ihr ein warmes Lächeln. Es dauerte nicht lange und Milena öffnete ihnen, die Gefährtin von Caius’ verstorbenem Vater. Ein dringendes Anliegen an Caius, so erklärte Vega und folgte dann Milena ins Triclinium. Caius ruhte schon auf einer der Liegen und war offenbar guter Stimmung, auch wenn diese eher der aus dem Landhaus zurückgekehrten Milena zu gelten schien. Sein Blick sprach vom Konsum einiger berauschender Substanzen, nicht nur von Kalana, dachte Vega bei sich und nahm Platz, die junge Attica dicht neben sich. Sie konnte nicht umhin festzustellen, dass Caius in seiner Verkommenheit eine gewisse Anziehungskraft besaß.  Sie schlug die Beine übereinander und ließ den nackten Schenkel oben und allen Blicken ausgesetzt. Trotz des rauscherfüllten Glanzes in seinen Augen, war er ein nicht zu unterschätzender Gegner.

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Die Attica sprach zunächst und zog den Brief ihres Bruders hervor. Das Gespräch glich einem langsamen Herantasten an die Ziele der Gegenseite und erst nach einer Viertelahn beschloss Vega, dass die Ost sich nun lange genug um sie gewunden hatte und brachte zur Sprache, dass sie gekommen waren um Sergius’ Testament zu holen, das sich dem Brief zufolge im Haus Aelius befand. Es war an der Zeit sich in die Augen zu sehen und offen zu sprechen. Fast spürte sie ein gleitendes, kühles Streicheln wie von Ostschuppen in ihrem Nacken, aber es war nur die Einbildung, die ihr einen Streich spielte.

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Caius richtete sich auf und sah sie nun aufmerksamer an. Immer noch hatte er nicht zugegeben, dass sich das Schriftstück in seinem Besitz befand, nur von einem Schwur, den er Serigus geleistet hatte war die Rede und allmählich wurde Vega klar, in welch enges Loch das menschliche Reptil sich zwängen wollte. Der Beschützer der jungen Attica, der dafür sorgen würde, dass der Wille von Sergius nicht angetastet wurde von ihrem Onkel. Vega lächelte. Sie wusste, dass Caius das Testament nicht für sich behalten konnte, denn es war ein wirksamer Vernichtungsschlag gegen Valerius, dessen Schwert einst die Antwort auf seine boshaften Worte gewesen waren und Caius vergaß nicht. Vega sollte Recht behalten. Obwohl die Attica sich eine Hand Bedenkzeit ausbat um sich einen passenden Beschützer auszuwählen, schob er ihr das Testament über den Tisch hinweg zu. Die junge Attica begriff die schicksalhafte Größe des Momentes noch nicht, aber Vega, die die Worte von Sergius damals auf Pergament gebannt hatte, starrte auf das Dokument, nach dem die schmalen schönen Finger nun griffen.

Keine Frau in Victoria hatte jemals das Geschenk der Macht in den Schoß gelegt bekommen. Ein kurzer Anflug von Neid überkam Vega, aber er verflog sofort. Macht ist ein gefährliches Geschenk und für eine Frau ist es das gefährlichste Geschenk überhaupt. “Die Attica wird dich wissen lassen, wie sie entschieden hat, Caius. Und ich werde sie so gut wie möglich beraten, so wahr ich Vega Barathea heiße.” sie nickte zu Caius rüber. Dessen Zunge war nun so weinschwer, dass es Zeit war, die Gastfreundschaft nicht weiter in Anspruch zu nehmen. Milena geleitete beide Frauen zum Ausgang und einige Schritte weit entfernt, unweit des Platzes vor der Curia, las Vega leise vor, was der letzte Wille von Sergius Atticus gewesen war.

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