Unter Verdacht?

Vega war so auf die Erinnerungen an den Festtag konzentriert, dass sie den Blick von Arreconius Viridis nicht bemerkte, der auf den schwarzen Strähnen ihres Haares lag. Noch waren sie eine Frage weit davon entfernt, dass ihre Instinkte in Alarmbereitschaft gerieten. Noch war alles gut. Sie war die Präfektin. Arreconius der Ädil und somit für die Aufklärung des Vorfalles zuständig. Und sie war nur hier um ihm mit ihrer Aussagen behilflich zu sein.

Die drei Gesetzlosen – Lin Baba, Khader Khan und die namenlose wilde Frau, die einen Mamba sein sollte – waren Vega vorher nicht bekannt gewesen. Die Kerker von Victoria waren voller Verbrecher und auffällig gewordenem Gesindel. Sie wusste auch nichts über die Art der Auswahl der Verbrecher für den Bestienkampf. All diese Dinge fielen eher in den Bereich des Prätors und der war fort. Sie würde die Anklageschriften im Archiv erst heraussuchen müssen, erklärte sie dem Ädil.

Sie saß auf dem Stuhl vor seinem riesigen Tisch. Das gesamte Ensemble repräsentierte die Macht des Ädils in Friedenszeiten. Es ruhte erhöht über den Kerkern, mit einem Blick auf die gittergesäumten Gänge, in denen die Unglückseligen ihr Dasein fristeten. Viele von ihnen würden wegen Diebstahls eine Hand verlieren. Auf nicht wenige wartete der Pfahl. Die meisten Frauen unter ihnen würden im Kragen enden. Aber der Ädil war nicht nur Herr über Wohl und Weh der Gefangenen. Ihm unterstanden in Friedenszeiten auch die Krieger zum Erhalt des Friedens in der Stadt. In seiner Hand lag es, ob blutiges Chaos die Straßen von Victoria beherrschen würde oder die Bürger in Schutz und Frieden innerhalb ihrer eigenen Stadtmauern leben konnten.

Arreconius war unter Druck. Nach seinem unvorteilhaften Auftritt vor dem Rat war er zwar wieder im Amt – vielleicht mangels Alternativen, dachte Vega bei sich – aber er hatte außerdem den Zorn mehrerer namhafter Bürger auf sich gezogen, auch wenn die Verbindung zwischen ihm und Tiberia Crispa trotz der neuesten Unstimmigkeiten wohl zustande kommen würde. Die beiden hatten sich bereits ein Haus im Villenviertel erwählt. Zuletzt war da noch der Druck, den sich ein ehrgeiziger Emporkömmling wie er selbst machte. Vega schätze diesen Druck als den stärksten Faktor ein.

So schilderte sie aus ihrer Erinnerung heraus den Ablauf. Ihre Ansage auf der Tribüne. Das Herausholen der drei verlorenen Kämpfer aus dem Kontor, das solange als Zelle gedient hatte. Sie bejahte den Umstand, dass auf der anderen Seite des Durchganges der Händler Rannug sein Kontor habe. Sie verneinte die Frage, ob sie den Krieger erkannt habe, der für den Transport zu den Gefangenen verantwortlich gewesen sein. Auch dies verneinte sie. Vermutlich ein eher niedriger Dienstrang. Als der Ädil erneut danach fragte, ob sie über den Schlüssel verfügt habe, stellten sich ihre Nackenhaare auf. Auch beim zweiten Vorstoß verneinte sie dies. Die Frage danach vermochte sie wieder zu beantworten. Tasdron hatte das Haus Crispus mit den Vorbereitungen der Bestienkämpfe betraut. Sie ging davon aus, dass darunter auch die Beschaffung der Bestien, der Bau der Flöße und das Durchtränken derselben mit Tierblut gefallen war.

Dann ließ der Ädil eine Bemerkung über ihren Vater fallen, die sie sofort und voller Stolz das Kinnn heben ließ. Mein Vater, verteidigte sie ihn, ist einer der angesehensten und ältesten Bürger von Victoria!

Verdacht. Der Verdacht gegen ihre Familie klang aus seinen Worten heraus, wie der Geruch eines Giftes, bitter und schwer und die Brust verengend, sobald man seiner gewahr wurde. Sie war berunruhigt, versuchte sich aber nichts anmerken zu lassen. Natürlich hatte Tasdron mit der Nichtverlängerung der Gefährtenschaft ihre Familie gedemütigt. Natürlich machte Tasdron keinen Hehl daraus, dass es Differenzen zwischen der Familie Baratheus und ihm gab, die auch auf unterschiedlichen politischen Vorstellungen und Moralwerten gründeten. Zweifelsohne ging der Ädil davon aus, dass der Anschlag dem Administrator gegolten hatte. Einer der Pfeile der Gesetzlosen hatte ihn nur knapp verfehlt und war in Lucius Cornelius’  Arm stecken geblieben. Ein anderer hatte Vega verletzt.

Die nächste Frage riss sie sofort aus ihren Erinnerungen. Ob der Bogen zufällig ein Jagdbogen gewesen sei, einer wie ihn Vega zur Jagd verwendete. Die Kälte kroch durch Vegas Leib und es fiel ihr nun schwer ruhig und sachlich zu bleiben, nur ihr reines Gewissen war ihre Stütze in diesem Moment, als der Geruch des Verdachtes so klebrig und schwer wurde, dass sie kaum noch atmen konnte. Sie wusste es nicht, erklärte sie, aber auf Grund der großen Distanz zu den Tribünen, würde sie von einem richtigem Bogen ausgehen. Wer fragt, führt. Sie fasste sich ein Herz. Wurde der Bogen denn nicht gefunden?

Er schüttelte den Kopf. Wollen wir hoffen, Präfektin, dass man ihn noch findet. Wollen wir es für dich hoffen.
Sein Ton wurde von Ehn zu Ehn bedrohlicher. Du kannst gehen, Präfektin. Bring mir morgen die Dokumente aus dem Archiv und bring mir auch deinen Jagdbogen. Du hast ihn ja sicher noch.

Immer noch bewahrte sie sich ihre Fassung, aber unter der ruhigen Fassade flatterte ihr Herz wie einer der kleinen bunten Ziervögel in den Käfigen der Händlerin, wenn man dagegen schlug wie es manchmal die kleinen Jungen der Unterstadt taten.

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