O tempora, o mores!

altermann1

Es fühlte sich fremd an. Und es war nicht einfach nur das Fehlen des vertrauten Schaukelns der Wellen. Er bemerkte es sofort als er seine genagelten Soldatensandalen auf das mit Dreck und Unrat verzierte Pflaster der Unterstadt setzte. Sicherlich, die Häuser hatten sich in den Jahren verändert, einige Geschäfte waren anderen gewichen, Kinder waren erwachsen geworden. Aber das war es nicht… es waren die leeren, von Leid gezeichneten Gesichter der Menschen, die seinem Blick auswichen und hinter ihm auf den Boden spuckten. Die Stille aus den Handwerksbetrieben, an denen sonst rund um die Uhr gearbeitet wurde. Unkraut was zum ersten Male auf den sonst so viel genutzten Straßen wuchs.
Immerhin waren keine Leichenberge und Blutlachen mehr zu sehen, wie sie ihm detailreich beschrieben worden waren… aber der Tod hing noch in der Luft. Je weiter seine Schritte zum Herzen der Stadt vordrangen, desto tiefer sackten seine ohnehin schon hängenden Mundwinkel. Die Blicke waren am schlimmsten. Wie viel musste geschehen sein dass die rote Kaste Respekt und Anerkennung verloren hatte?
In ihm tobte es. Er spürte wie das Adrenalin durch seinen alten Körper fuhr und sich seine Nackenhaare aufstellten. Instinktiv zuckten seine Hände zum Gladius – reine Routine, nach all den Jahren im Kampf.

Mitten auf dem Marktplatz auf einmal ein vertrauter Schemen.
“Arreconius…” knurrte er und der bis dahin mühsam zurückgehaltene Zorn brach durch.

Gefühlte Ewigkeiten verstrichen bis sich der blutrote, ihm so wohl vertraute Schleier legte und nur noch verschreckte, ihn ängstlich anstarrende Gesichter zurückließ. Seine Fingernägel hatten sich tief in das Fleisch seines Handballens eingegraben, sein Herz schlug wild, Speichel benetzte sein Kinn und trotzdem fühlte er sich auf einmal erschreckend alt und machtlos.

Wahrscheinlich hatten sein Sohn und dieser selbstbewusste, verdächtig nach Seife riechende Mann in Grün recht. Möglicherweise waren Fehler passiert die weit außerhalb des Zuständigkeitsbereiches der roten Kaste waren. Kein Bürger rebellierte und riskierte damit sein Leben wenn er nicht einen triftigen Grund dafür sah. Vielleicht hatte sein Sohn auch sein Bestes gegeben um die Stadt und deren Bürger zu schützen. Aber das war offensichtlich nicht genug gewesen.
Immer noch versuchte Arreconius ihn zu beruhigen, hüllte ihn in einen dichten Wirbel aus kunstvoll gewobenen Worten und schob am Schluss auch noch eine junge Frau vor: “Vater, deine Schweigertochter!”

Wieder erhob sich der rote Schleier, aber er biss seine Zähne zusammen und kämpfte dagegen an. Mühsam rang er sich etwas ab was er für ein freundliches Lächeln hielt und schon den ein oder anderen Feind auf dem Schlachtfeld zur Umkehr bewogen hatte.
Die Gerüchte stimmten – Tiberia war tatsächlich nur in die rote Kaste aufgestiegen, aber sie hielt sich tapfer. Weitere warme Worte ihres Gefährten prasselten auf ihn ein, nahmen sie in Schutz, begründeten, buhlten um seine Anerkennung. Richtig verstand er ihn aber erst als dieser kurzerhand noch eine andere junge Frau vorstellte. Eine Aelierin, die nach dem Tod ihrer Familie im Hause Viridis untergekommen war und soviel Farbe im Gesicht trug dass man sie so glatt mit einem Münzmädchen verwechseln könnte.

Wie hatte sich doch alles geändert. Er hätte nicht so lange weg bleiben, die Zügel aus der Hand geben dürfen. Kein Wunder das alles verkam. Es wurde Zeit dass er anfing sich um alles zu kümmern, Ordnung zu schaffen und zu retten was zu retten war.
Immerhin hatte es sein Sohn zu einigem Wohlstand geschafft, er unterhielt jetzt eine kleine Villa in der Oberstadt. Wortlos registrierte er dass seine neue Schwiegertochter sich nicht zu schade war selber mit Hand anzulegen, damit er und sein gerade von den Schiffen nachgekommener Bruder Procolus gut unterkamen. Sie hatte tatsächlich das Zeug die Mutter eines guten Kriegers zu werden. Mit dem Becken würde sie auch keine Probleme bei der Geburt haben.

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